Mein erster Tag begann mit einem großen Frühstück und einem Luxus, den ich sporadisch immer wieder genießen darf – ich wurde von Lorraine, der Besitzerin des B&Bs, mit dem Auto zur Arbeit gebracht.

Die Bibliothek ist im gleichen Haus untergebracht wie die Büros der Stadtverwaltung und besteht hauptsächlich aus einem riesigen Raum. Das hört sich erstmal nicht nach viel an, man muss aber auch bedenken, dass in Gorey gerademal ca. 9000 Menschen leben. Der Bestand teilt sich hauptsächlich in Belletristik und Sachbücher für Kinder von 6-9 Jahre, 9-12 Jahre, Jugendliche und Erwachsene. Daneben gibt es noch Graphic Novels, Großdruckausgaben, Literatur für Eltern und die LGBTQ-Gemeinschaft (passenderweise mit einem Regenbogen über der Signatur gekennzeichnet…) etc. Besonders auffälig sind aber die Fremdsprachenbereiche: Irisch und Polnisch.
Neben Englisch stellt Irisch bzw. Irisch-Gälisch die zweite Amtssprache in Irland dar. Zwar wird Irisch nur noch in einigen wenigen Dörfern in Irland tagtäglich benutzt, in den so genannten Gaeltacht-Gebieten. Jedoch können die meisten Iren dank des Schulunterrichts ein paar Brocken dieser Sprache verstehen und benutzen. Manche Eltern schicken ihre Kinder sogar absichtlich für einige Zeit in die Gaeltacht-Gebiete. Außerdem sind ein großer Teil der Straßen- und Hinweisschilder, sogar in der Bibliothek, neben Englisch auch auf Irisch und sogar öffentliche Ansagen werden in den meisten Fällen auf beiden Sprachen getätigt.
Nachdem Polen 2004 der EU beitrat und es Irland wirtschaftlich (noch) gut ging, empfingen die Iren die Polen als helfende Arbeitskräfte mit offenen Armen. Das änderte sich, als 2008 die irische Wirtschaft in sich zusammenbrach und viele Polen ihren Arbeitsplatz verloren. Trotzdem macht die polnische Minderheit immer noch rund 2,5 % der irischen Bevölkerung aus.

Was sofort ins Auge fällt, wenn man sich durch die Bibliothek hindurchbewegt, ist die Buch- und Leseecke für Kinder unter 6 Jahren. „Bücherkisten“, teilweise mit integrierten kleinen Bänken, sind schlangenförmig aneinandergeordnet und die Bücher darin können problemlos selbst von den Kleinsten herausgenommen werden. Darum verstreut sind kleine, bunte, runde Plastikhocker. An meinem ersten Tag fand hier eine Vorleserunde statt. Dafür wurden Kissen und eine große Patchworkdecke auf dem Boden ausgebreitet. Es war ein lautes Spektakel, da nicht nur vorgelesen sondern auch gesungen und Verse aufgesagt wurden (natürlich mit entsprechenden Bewegungen dazu). Die Eltern saßen daneben und schienen die Zeit zu genießen, in der mal jemand anderes die Kinder beschäftigt halten musste.
Mit mir zusammen begann noch eine weitere Person ein Praktikum an der Bibliothek (jedoch ist sie, im Gegensatz zu mir, aus der Gegend). Das hatte den Vorteil, dass nicht nur ich mich am Anfang total überfordert fühlte. Es hat etwas äußerst beruhigendes, wenn sich zwei Leute die gleichen verwirrten Blicke zu werfen.
Hinzu kam ein hektisches Durcheinander an Menschen, die alle gleichzeitig versuchten, ihre Bücher zurückzubringen. Grund dafür war ein gesetzlicher Feiertag (von den Iren auch als Bank Holiday bezeichnet) Tags zuvor, an dem die Bibliothek geschlossen gewesen war. Zudem fanden sich in dieser Woche auch viele Schülergruppen hier zusammen, um sich die Abschlussprüfungen vorzubereiten. Entsprechend schnell füllte sich der Raum und ich kann ehrlich behaupten, dass mir an diesem Tag nie langweilig geworden ist.