“Was ist eine “Nusch”? „Wie, ihr werdet die Bibliothek abschießen?“ – Verhörer und andere Probleme mit der Aussprache

Klar wusste ich, bevor ich überhaupt nach Irland gereist bin, dass das irische Englisch (das übrigens laut Wikipedia „Hiberno-Englisch“ genannt wird) weder meinem britischen Schulenglisch noch dem mir vertrauteren, amerikanischen Englisch gleichen würde. Aber am Ende ist Englisch doch Englisch, oder?

Dachte ich zumindest, bis ich ins Flugzeug einstieg und die Stewardess im üblichen mo-no-to-nen Ser-mon ihre Durchsage startete. Inhaltlich war mir natürlich bewusst, worum es ging – Sicherheitsgurt, Atemmaske, Schwimmweste bla bla. Selbst wenn man noch nie im Flugzeug gesessen hat, weiß man ungefähr, welche Sicherheitswarnungen vorher ausgesprochen werden. Aber ich verstand nichts. Kein einziges Wort. Nada. Genauso gut hätte die Dame in dem schicken Kostüm Altgriechisch reden können, ich hätte genauso blöd geguckt. Vielleicht nuschelte sie bloß, vielleicht war sie auch sehr, sehr leise. Aber in meinem Gehirn liefen den gesamten Flug lang Horrorszenarien von im schönsten Kauderwelsch redenden Nutzern, denen ich lächelnd und nickend zuhörte, während in meinem Kopf ein kleines, kreischendes Männchen panisch im Kreis rannte.

So schlimm ist es am Ende doch nicht. Trotzdem brauche ich meistens einen oder zwei, drei, vier Momente bevor mein Gehirn das irische Englisch in eine mir bekannte Sprache übersetzen kann.

Versteht mich nicht falsch: Manchen Leuten hier könnte ich stundenlang zuhören. Ihre Sprechweise ähnelt einem beruhigenden, fast melodischen Singsang. Das irische Englisch klingt wirklich schön – ist aber auch ein wenig gewöhnungsbedürftig.

Dass „Lunch“ wie „Lunsch“ ausgesprochen wird und nicht „Lansch“ habe ich spätestens an meinem zweiten Tag herausgefunden. Das es jedoch noch weitere Wörter gibt, bei denen der A-Laut wie ein U ausgesprochen wird, fiel mir erst etwas später auf… So war ich ein wenig verwirrt, als es hieß, die Bibliothek werde abgeschossen (shot down). Stimmte natürlich nicht. Ich kann bloß anscheinend kein O von einem U unterscheiden. Tatsächlich waren die Öffnungszeiten vorbei und die Bibliothek wurde nur geschlossen (shut down) und nicht zum nächsten Thema in der Tagespresse (der kleine aber feine Unterschied zwischen abgeschossen oder abgeschlossen…). Außerdem wird der Tee aus einer „Kup“ getrunken, das Bier im „Pup“ und mein deutsches und englisches Gehirn kamen völlig durcheinander, als auf den „Bus“ und nicht auf den „Bas“ gewartet wurde…

Da hört der Buchstabentausch natürlich auch nicht auf. Wie sehr haben wir uns doch in der Schule abgemüht, „th“ nicht wie S auszusprechen sondern wie eine Schlange mit Sprachfehler. Wenn dann alle im Klassenraum durcheinander an ihrer Aussprache feilten, hörte es sich zuweilen an, als würden wir nicht Englisch sondern Parsel üben. Hätten wir uns alles sparen können, wenn wir statt Oxford English Irish English gelernt hätten. Da wird mal schnell das säuselnde Th mit einem harten T oder weicheren D ausgetauscht. „This thing“ wird also zu „dis ting“ und kombinieren wir das mit dem vorherigen Absatz, wird aus „thank you very much“ „tank ju weri mutsch“.

Also Th wird zu T und ab und an (am Ende eines Wortes) wird T zu… Sch? So wandelt sich die Nuss von „Nat“ zu „Nut“ und manchmal auch zu „Nusch“. Manchmal wird auch dann auch aus „schatt daun“ (shut down) nicht nur „schutt daun“ sondern sogar „schusch daun“. Es gibt dafür auch keine klare Regelung, manchmal wird das T am Ende ausgetauscht, manchmal nicht, und meine Verwirrung ist komplett.

Natürlich ist irisches Englisch nicht homogen. Der Dubliner Akzent unterscheidet sich stark von dem aus Cork, auf dem Land wird ein anderes Englisch gesprochen als in der Stadt und ich will gar nicht erst mit Nordirland beginnen. Meine Erfahrungen beruhen auf dem, was ich in Gorey aufgeschnappt habe und selbst dort war der Akzent nicht einheitlich. DEN irischen Akzent gibt es also nicht wirklich, aber vielleicht so etwas wie „Tendenzen“…

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